themen

basisinfos

links

romkablog

Weißer Fleck vs. Stereotypen

Was ist typisch ukrainisch? Christian Semler von der TAZ weist darauf hin, daß ohne gepflegte Stereotypen auch kein gefestigtes Bild eines Landes, einer Nation entstehen kann:

Ob nun aktuell gerade negative Vorurteile, wie sie in den letzten Tagen reichlich verbreitet wurden, oder das neue, winterliche Bild der „orangefarben erstrahlenden“ Ukraine doch noch wirkt: Es gibt keine stabilen Vorurteile.

Indes, so schnell geht es erfahrungsgemäß nicht mit der Bildung von Stereotypen, positiven wie negativen. Sie sollen schließlich eine Weile halten. Noch haben die Deutschen im Schnitt nur vage Vorstellungen darüber, wo die Ukraine eigentlich liegt und was deren Einwohner so treiben. Es fehlt an Material für Generalisierungen. Sind das nicht bei Licht besehen eine Art Russen, sodass die althergebrachten nationalen Stereotype über Russland (die Seele, der Suff, die Grausamkeit) einfach übertragbar sind?

Ein paar Möglichkeiten dröselt die Semler auf: Da sind ein paar schöngeistige Erinnerungen an die multi-kulturelle k.u.k.-Welt zwischen Lemberg und Tschernowitz, die leider nicht auf die ganze Ukraine übertragbar ist. Oder einfach die Polen fragen?

Auch von Polen können wir uns keine Stereotype hinsichtlich der Ukrainer ausborgen, denn die sind gerade dabei, ihre eigenen über Bord zu werfen. Lange Zeit galten hier die Ukrainer wegen der blutigen nationalen Auseinandersetzungen um Galizien als gewalttätig, als ungebildete Bauern, zudem als Hitler-Schergen. Mittlerweile hat sich hier ein Umschwung vollzogen. Die überkommenen nationalen Konflikte verlieren für stereotype Fremdbestimmungen laufend an Boden. Schon zu Zeiten des Realsozialismus hieß es bei den polnischen demokratischen Oppositionellen: Die Ukrainer sind wie wir, nur ein klein wenig vorsichtiger. Jetzt haben sie auch diese Vorsicht fallen gelassen, sodass in Polen die Ukraine-Euphorie herrscht.

Semlers Fazit:

Generell kann man sagen, dass wir uns von nationalen Stereotypen zu begründeten Urteilen hochhangeln, also deren Fehlen eher schädlich ist, weil die betreffende Nation als “weißer Fleck” erscheint, der keinerlei Interesse hervorruft. Aber vielleicht kann dieses Mal der Weg abgekürzt werden. Durchs unmittelbare Kennenlernen.

Ja. Genau. Ich zähle ganz egoistisch und unfair die Tage, bis die Visapflicht für EU-Bürger fällt und ich mich „einfach so“ in den Flieger oder die Bahn setzen kann und in einem halben Tag bei meinen Freunden bin. Und freue mich auf all die anderen, die neugierig mithelfen, den weißen Fleck auf der Landkarte mit bunten Farben zu füllen.

Artikel in www.taz.net

von elya, 15.03.05
http://romkablog.visuelya.de/trackback.php?id=93

Jungs in Uschhorod „Aber zurück zu dem Bild, das mir nicht aus dem Kopf geht: der kleine Junge, versunken in die Betrachtung des Flusses. Da drüben beginnt die Neue Welt.“
(Jurij Andruchowytsch, Mein Europa)