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Kollateralschäden im Rausch der Jagd

Roman Goncharenko ist Student aus Kyjiw. Am 9. März sendete der WDR seinen ganz persönlichen Kommentar zur Visa-Affäre.

Д?кую за дозвіл, Романе!

Ich bin ein Ukrainer. Ich kam nach Deutschland im Jahr 2000. Mit einem Bus aus Kiew. Ich bin kein Verbrecher, kein Schwarzarbeiter und keine Prostituierte. Trotzdem fühle ich mich heute wie ein Krimineller. Im Spiegel, in der Bild-Zeitung oder bei Sabine Christiansen – seit vier Wochen werden Ukrainer durch den Dreck gezogen. Das ganze Volk wird so dargestellt, als hätten wir kein anderes Ziel im Leben, als nach Deutschland zu kommen, um hier illegal zu arbeiten. Etwa 900.000 Ukrainer haben in den vier Jahren des berüchtigten Vollmer-Erlasses ihr Visum an der deutschen Botschaft in Kiew bekommen. Ich bin einer von ihnen. Auch meine Eltern, die mich in Deutschland besucht haben, — wir sind alle in dieser Statistik, wir könnten alle Kriminelle sein. Genau diesen Eindruck vermitteln die Medien in der Visa-Affäre. Denn zuverlässige Zahlen, wie viele von den eingereisten Ukrainern selbst kriminell waren oder Opfer anderer geworden sind, — gibt es nicht. Also sind alle verdächtig, oder? Nirgendwo ist zu lesen, dass die meisten Ukrainer mit legalen Absichten nach Deutschland kommen. Ukrainische Au-pair-Mädchen helfen deutschen Familien, Kind und Karriere zu vereinbaren, ukrainische Computer-Spezialisten kümmern sich um Software bei deutschen Firmen, ukrainische Studierende sorgen für Internationalität an den deutschen Unis. Sie alle sind in der Statistik.Sicher, den Medien und der Opposition geht es nicht um die Ukrainer, sondern um Joschka Fischer. Aber im Rausch der Jagd auf den grünen Außenminister ruinieren sie den Ruf einer ganzen Nation. Kollateralschaden, wenn Sie so wollen. Vor ein paar Tagen wollte ich bei der Post ein Packet abholen. Ich erwischte mich beim Gedanken, dass ich sehr ungern meinen ukrainischen Reisepass zeigen werde. Nicht umsonst. Der Postbeamte studierte das kirschfarbene Dokument länger als sonst. Er hat nichts gesagt, aber ich konnte sein Misstrauen spüren. In diesen Tagen ist es nicht gerade ein Vorteil, sich als Ukrainer in Deutschland zu outen. Keine Frage — Ukrainer sind keine Heiligen. Visa-Missbrauch hat es offenbar im großen Stil gegeben. Aber Medien und Opposition spielen bei der Visa-Affäre ein gefährliches Spiel. Die rot-grüne Regierung könnte die nächste Wahl verlieren. Aber es kommt die übernächste Wahl. Für die mehr als 100.000 Ukrainer, die in Deutschland leben und diejenigen, die noch kommen, sind die Konsequenzen viel schlimmer. Es ist sehr einfach, Menschen in Verruf zu bringen und es dauert sehr lange, bis Vorurteile aus den Köpfen verschwinden.
Ausländerfeindlichkeit braucht keine Beweise, ein Generalverdacht reicht.

Mit freundlicher Genehmigung von Roman Goncharenko und dem WDR.

Sendedatum: 9.März 2005
1. WDR 3 Themen des Tages
2. WDR 5 Morgenecho

von elya, 12.03.05
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Jungs in Uschhorod „Aber zurück zu dem Bild, das mir nicht aus dem Kopf geht: der kleine Junge, versunken in die Betrachtung des Flusses. Da drüben beginnt die Neue Welt.“
(Jurij Andruchowytsch, Mein Europa)