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Von der anderen Seite der gläsernen Wand

Nochmal Visum, langsam mag man es nicht mehr hören (außer natürlich die deutsche Opposition, die nicht genug davon bekommen kann) Heute polemisiert Leonid Schulman in der Ukraijinska Prawda unter dem Titel „Schützt die Regierung unsere Würde? Zur Visafrage“ (Чи захи?тить ур?д нашу гідні?ть? До питанн? про візи) zu den Visagepflogenheiten verschiedener westlicher Staaten.

Schulman greift die Forderungen nach Erleichterungen im Visaverkehr für Reisen von Westeuropäern und Nordamerikanern in die Ukraine auf — Kostenlose Visa, oder sogar Visafreiheit — und stellt ihnen Beispiele aus westlichen Botschaften gegenüber.

Zunächst sind da die langen Schlangen. Zweitens verlangen verschiedene Konsulate die Vorlage völlig unterschiedlicher Dokumente: eine Bittschrift des Arbeitgebers, eine von der Polizei des Reiselandes beglaubigte Einladung, einen Einkommensnachweis (sogar, wenn es ein Stipendium für die Reise gibt), Hotelbuchungsbescheinungen und anderes mehr. Weiter geht es noch unangenehmer: Das Schicksal derjenigen, die ein kurzfristiges Visum beantragen, entscheidet ein Konsularbeamter, der darauf aus ist, möglichst viele Anträge abzulehnen. Man sagt, daß das amerikanische Konsulat besondere Anweisungen hat: Jeder Mensch ist zunächst ein potentieller illegaler Einwanderer — bis er das Gegenteil beweist. Da habt Ihr sie, die Unschuldsvermutung!Das US-Konsulat nimmt schon für den Visaantrag Geld. Es folgt ein Interview. Einmal fragte der Beamte einen Wissenschaftler, der zu einer Konferenz reisen wollte: „Und, würden Sie ein Angebot zur Arbeit in den USA annehmen?“ — eine Fangfrage, denn antwortet er mit „Ja“, ist klar, daß er ein illegaler Arbeitsimmigrant ist, und der Antrag wird abgelehnt. antwortet er mit „Nein“, sagt der Beamte: „Da tragen Ihre Gastgeber alle Kosten für diese Einladung, und Sie wollen nicht mal bei uns arbeiten? — abgelehnt“

... es hätte fast etwas von Komik, wenn es nicht so entwürdigend wäre. Man stelle sich einen Physikprofessor vor, der von seiner Uni entsandt wird. Weiter:

Mit einer einfachen Absage ist es nicht getan. Das amerikanische Konsulat „verschönert“ noch den Paß des Antragstellers mit einem Stempel, der die Ablehnung bescheinigt. Keine andere Botschaft wird in so einen Paß noch irgendein Visum kleben. Bei einer Absage wird die Antragsgebühr nicht zurückgezahlt; bei Ausstellung eines Visums wird eine zusätzliche Gebühr fällig.

Anscheinend haben die Schengener Staaten auch begonnen, die Pässe auf diese Weise zu versauen. Und es gibt weitere empörende Fälle. Beispielsweise stellt das spanische Konsulat Anträge in spanisch, englisch und russisch bereit. Keine ukrainischen. Man könnte in der ukrainischen Botschaft in Madrid eigentlich Visaanträge in ukrainischer und deutscher Sprache auslegen, und nicht in spanischer, oder?Wenn man also hört, daß die Ukraine sich für Ausländer öffnet, und die Ukraine vielleicht kostenlos Visa ausstellt, kann man traurig werden. Der Westen errichtet extra Hürden für Ukrainer. Warum schützt die Regierung nicht meine Würde? Eine Gesetztesinitiative eines einfachen Ukrainers könnte wirtschaftliche, politische und diplomatische Parität verlangen. Ein solches Gesetz könnte die Regierung verpflichten, gleiche Maßstäbe für ausländische Bürger anzulegen. Zum Beispiel können Ukrainer ein Auswanderungsvisum für die USA nur in Moskau, Warschau oder Rom erhalten, abhängig vom Grund der Ausreise. Man könnte analog für Amerikaner einführen, daß sie ihre Visaanträge in Havanna oder Pjöngjang stellen, und in Washington nur Anträge von Amerikanern ukrainischer Abstammung zulassen. [...]

Hier steige ich mal aus Schulmans Empörung aus, nur als kleine Ergänzung die derzeitige Visapraxis der Ukraine (Stand Oktober 2004): Ich lade mir im Internet einen Antrag herunter und informiere mich über die aktuellen Visagebühren. Für ein Zweifach-Privatvisum überweise ich etwa 80 Euro. Den ausgefüllten Antrag (Paßbild, persönliche Daten, Reiseziele, Adresse des Gastgebers) schicke ich zusammen mit dem Paß und einem frankierten Rückumschlag ins Konsulat nach Frankfurt. Nach maximal 14 Tagen, meist schneller, habe ich mein Visum im Briefkasten. Abgelehnt wurde in 15 Jahren bisher keiner meiner Anträge.

Originaltext: Ukrajinska Prawda

von elya, 22.02.05
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Jungs in Uschhorod „Aber zurück zu dem Bild, das mir nicht aus dem Kopf geht: der kleine Junge, versunken in die Betrachtung des Flusses. Da drüben beginnt die Neue Welt.“
(Jurij Andruchowytsch, Mein Europa)