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Nächster Zwischenstopp: Sarkophag. Fünf Minuten Fotopause.

Seit einiger Zeit organisiert das Tschornobyl-Informationszentrum Touren durch die Zone – den engsten, seit 1986 verlassenen und abgesperrten Bereich in und um Tschornobyl und Prypjat.

Wieder mal über Veronica wurde ich auf den Artikel in der New York Times aufmerksam, wo C. J. Chivers seine Gruppenreise in die Todeszone sehr eindrücklich schildert.

Vieles [in der Vorschule] war genau so, wie die Kinder und ihre Lehrer es vor 19 Jahren verlassen hatten. Kleine Schuhe liegen verstreut auf dem Boden herum. Puppen und Bauklötze blieben auf den Regalen zurück. Sowjetparolen mahnen die Kinder zu lernen, zu üben, sich auf das Leben als Werktätiger vorzubereiten. Vieles hat sich auch verändert. Heute gibt es hier verrottete, zerbrochene Fenster, rostige Bettgestelle und großflächig von den Wänden abblätternde Farbe. Heute gibt es hier außerdem Touristen, die an der wohl seltsamsten Exkursion teilnehmen, die die Ex-Sowjetunion zu bieten hat: eine Pauschalreise in die gesperrte Zone von Tschornobyl, Schauplatz der schlimmsten zivilen Katastrophe des Nuklearzeitalters. [...] Nächster Halt: das Kraftwerk und der „Sarkophag“, die Zement- und Stahlhülle, die den Reaktor Nr. 4 und seine Strahlung umgibt. Herr Tatartschuk hebt den Geigerzähler . 470 Mikroröntgen pro Stunde. Die Finnen posieren für eine Gruppenaufnahme.

Die Tour kostet zwischen 200 und 400 US-Dollar pro Tag, eine Mahlzeit inklusive.

Als ich mich mal bei dem Veranstalter, der Chornobylinterinform umschaute, fand ich noch ein „großes Geheimnis der kleinen Kinder“ von Tschornobyl: Ein Professor Michalew, der Langzeitstudien mit Kindern aus der Region Tschornobyl durchführt, hat herausgefunden, daß

die Strahlung einen stimulierenden Effekt auf die Kinder hatte, die in den betroffenen Gebieten lebten. [...] „Die Untersuchungen zeigen, daß viele der Kinder aus diesen Regionen begannen, schneller zu wachsen.“ Sie reagieren schneller auf Reizstoffe und ihr Geist ist schärfer. Ihr Immunsystem ist stärker als bei Kindern aus anderen Orten. Tschornobyl bewirkte eine Anpassung des Körpers und veränderte den Enzym- und Hormonhaushalt.

Wenn ich die Touristen-Exkursionen in die „Zone“ noch nicht so unheimlich finden konnte wie ich vielleicht sollte — diese neue Generation von Superkindern dank Radioaktivität bereitet mir Alpträume. Zum Abschluß nochmal Chivers von der New York Times:

Zwischen diesen Bäumen, die hier irgendwie fehl am Platze sind, hat man einen guten Blick in Richtung Reaktor und auf ein leeres Krankenhaus mit einer riesigen Aufschrift: „Die Volksgesundheit“, liest man, „ist der Reichtum des Landes.“ Herr Tatartschuk blickte über die verbeulten Dächer, wiederholte diese Worte auf Russisch und erlaubte sich dann ein wissendes, kopfschüttelndes Lächeln.

von elya, 17.06.05
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Jungs in Uschhorod „Aber zurück zu dem Bild, das mir nicht aus dem Kopf geht: der kleine Junge, versunken in die Betrachtung des Flusses. Da drüben beginnt die Neue Welt.“
(Jurij Andruchowytsch, Mein Europa)