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Liebe auf den ersten Blick: eine Reise nach Stanislau.

Spiegelung
Ich habe mir ausgerechnet, wenn ich mir jedes Jahr eine weitere ukrainische Oblasthauptstadt und vielleicht eine weitere Stadt anschaue, bin ich bis zur Rente in etwa einmal durch die ganze Ukraine gereist. Diesmal war Iwano-Frankiwsk, früher: Stanislau (bzw. Stanislaw) dran.

Andruchowytsch in seinem Essay „Stanislauer Phänomen“:

Einer meiner kanadischen Freunde [...] erkundigte sich [...], ob ich imstande sei, eine ausführliche Antwort auf die Frage „Wenn in Stanislau Schnee fällt, welches Wetter ist dann in Iwano-Frankiwsk?“ zu geben. „Überwiegend Winterwetter, muß aber nicht sein“, schrieb ich zurück. Erst später wurde mir klar, daß ich mich nicht geirrt hatt, Es sind in der Tat zwei verschiedene Stdte. Ja, zwei Nachbarstädte, räumlich so eng beieinander, streng genommen befindet sich die erste mitten in der zweiten, eine Stadt in der Stadt. Aber man darf sie keinesfalls für identisch halten.

Rathaus StanislauKurz bevor der überfüllte Bus in der Stadt einfährt – Oxana steht seit drei Stunden, hinter uns kotzt sich ein Kleinkind voll, Hitze, Gestank – kommen wir mit dem Zahnarzt links neben uns ins Gespräch, der uns dann persönlich ins Zentrum von Stanislau begleitet. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Der Rathausplatz mit seinem konstruktivistischen Bau in der Mitte, die Fassaden der angrenzenden Häuser, Skulpturen, Straßencafes. Nach der schlaflosen Nacht im offenen „Platzkarta“-Liegewagen, nach der ewig erscheinenden Busfahrt sind wir endlich angekommen.

SkulpturUnd es geht zwei Tage so weiter. Das Hotel Dnister, einst eines der besten Hotels am Platze, heute nur ganz leicht runtergekommene Altbauromantik, nimmt uns für 68 Hriwnja (rund 10 Euro) pro Doppelzimmer auf – mit Kühlschrank, Fernseher und Telefon, dafür ohne Dusche und mit Toilette auf dem Gang. Auf dem Nachbarbalkon übt jemand Tuba. Ich liebe diese Stadt.

Plattenbau
Auf der Straße: noch der letzte Parkplatzwächter spricht Ukrainisch, ab und zu hören wir auch Russisch im Vorübergehen. Die Menschen: keiner hetzt, jeder einzelne freundlich, selbst wenn sich Verständnislosigkeit in die Antwort auf unserer Frage mischt, da wir doch direkt vor dem Hotel stehen, das wir eigentlich suchen… Das Wetter: warm und sonnig, gegen Abend ein starker Frühlingsregen, der aber unsere Begeisterung nicht dämpft. „In Iwano-Frankiwsk regnet es, aber wir sitzen in Stanislau im Cafe…“ Dutzende Buchhandlungen, Antiquariate. Ich liebe diese Stadt.


Man sagt, es liegt alles an der Stadtverwaltung, und ich neige dazu, das zu glauben. Im Gegensatz zu Uschhorod sind die Ladenzeilen in den Altbauten einigermaßen dezent mit Leuchtreklame ausgestattet, und der Rest der Häuser ist geschmackvoll restauriert, nicht zu viel, nicht zu wenig. Alle 20 bis 30 Meter ein Papierkorb („Wir halten unsere Stadt sauber“. Nur wenige Bettler, die Menschen irgendwie anders, kultivierter, entspannter, wasauchimmer. Tscherniwzi – Tschernowitz – hat das gleiche Potential, ist aber noch nicht aus dem Dornröschenschlaf erwacht, Uschhorods Innenstadt ist versaut, weil jeder Geschäftsmann mit seinem Laden machen kann, was er will, und der Rest des Hauses verkommt. Statt den alten Bahnhof aus den 20er Jahren zu restaurieren, ersetzen wir ihn lieber durch einem Monumentalbau, dessen Stilrichtung man nur als Kitsch pur definieren kann.

Andererseits: Ohne Unterstützung der Menschen ist das nicht umzusetzen. Die Sauberkeit, die entspannte Atmosphäre, die gepflegten Grünflächen, auf denen anscheinend keine Bäume geklaut oder abgeschlagen werden, das ist nicht nur eine Frage des städtischen Budgets, sondern eine Grundeinstellung.

Trotzdem: Selbst an den Ecken, die nicht so blitzen, etwas mehr abseits vom Zentrum, dort, an den unsichtbaren Grenzlinien zwischen Stanislau und Iwano-Frankiwsk, verzaubert uns die Stadt. Als wir uns auf die Suche nach den Resten der Stadtmauer, der „Fortezja“ machen und nur ein paar alte Mauerreste entdecken, stellen wir uns den Rest, oberhalb des dann doch etwas vermüllten Festungswalls, einfach in unserer Phantasie vor. Da steht sie doch, die Festung, siehst du sie nicht?

von elya, 19.05.05
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Jungs in Uschhorod „Aber zurück zu dem Bild, das mir nicht aus dem Kopf geht: der kleine Junge, versunken in die Betrachtung des Flusses. Da drüben beginnt die Neue Welt.“
(Jurij Andruchowytsch, Mein Europa)