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Tag des Sieges in Uschhorod

Wache am Grabmal des unbekannten Soldaten
Acht Uhr morgens, 60ster Jahrestag des Sieges über die faschistischen Invasoren. Ein Milchkaffee hilft mir aus dem unruhigen Nachtschlaf, die Kriegsfilme am Samstag und Sonntag (“60 Jahre – 60 Filme”), dazu die Generalproben auf dem Roten Platz waren vielleicht doch etwas viel.

Der Fernseher läuft auch heute morgen schon wieder: In Moskau regnet es, und als Putin auf dem Roten Platz seinen Freund Schröder begrüßt, verlasse ich die Wohnung und setze mich in den Bus Richtung Zentrum.

Zunächst sehe ich nur werktäglich gekleidete Menschen: heute ist Montag und in Uschhorod scheint die Sonne; ein guter Tag, um auf dem Feld zu arbeiten. An der zweiten Haltestelle steigt eine mit Orden dekorierte Frau ein, und schließlich sind es fast nur noch Menschen in Sonntagskleidung.

Rund um den Kalvarienberg – so heißt hier der Friedhofshügel – ist es noch relativ ruhig; auf dem Festplatz vor der Hauptallee läuft aus Lautsprechern getragene Musik, melancholische Kriegslieder, die von Heimat, Pflicht und Tod singen, und das Bach-Gounot’sche Ave Maria. Plötzlich glaube ich nicht richtig zu hören: Das Kaiserquartett – die deutsche Nationalhymne – klingt über den Platz. Außer mir scheint das aber niemand seltsam zu finden. Der Platz ist noch recht leer, vielleicht fünfzig Menschen sammeln sich am Rand, eine Gruppe Uniformierter stellt sich in einer Reihe auf.

Veteranen bei Siegesfeier
Schließlich erklingt von weiter unten Blasmusik, und die Veteranen und ihre Enkelkinder ziehen langsam den Hügel hinauf. Manche mit Uniform und unzähligen Orden und Medaillen auf der Brust, manche mit Gehhilfen oder im Rollstuhl, fast alle mit größeren Mengen Flieder, Tulpen oder Narzissen im Arm. Vor den Mikrofonen machen sie halt, und es folgen die obligatorischen Festtagsreden: der Stadtrat, der Gouverneur, ein Vertreter einer Veteranenorganisation, der als erster frei redet, sich aber ein wenig in den Heldentaten der Vergangenheit verheddert. Zum Schluß noch ein junger Oberst, der im Irak gedient hat: ein harter Kerl, gewohnt, frei vor den Massen zu sprechen. “Ruhm den Veteranen! Ruhm den Streitkräften der Ukraine, Ruhm der Ukraine!” endet er. Den rhetorischen Spagat schaffen aber alle Redner: Wäre der Kampf gegen die deutschen Faschisten nicht gewesen, gäbe es heute keine unabhängige Ukraine. Der Mittelteil zwischen den beiden historischen Polen ist mir irgendwie entgangen. Nach ein wenig Chormusik zieht man weiter nach oben, zum Grabmal des unbekannten Soldaten.

Held des Vaterlaendischen Krieges
Ich war schon vorher ein wenig über den Friedhof spaziert. Rund um das Ehrenmal sind die Grabsteine mit Sternen verziert, auf jedem drei oder mehr Namen, und manchmal noch: ”...und ein unbekannter Soldat”. Herbst 1944: das sind die Soldaten, die bei den Kämpfen um die westliche Ukraine, oder die östliche Tschechoslowakei, je nach Perspektive, gefallen sind. “Tod den deutschen Okkupanten” steht auf einem der Grabsteine. Ein paar Tage später, im November 1944, erwischte es auch meinen Großvater, keine 100 Kilometer von hier entfernt in einem kleinen slowakischen Dorf. Meine Mutter war knapp zwei Jahre alt. Trotz aller Beteuerungen, daß 60 Jahre vergangen und wir inzwischen befreundet sind, und trotz meines Wissens darum, daß alle diese Soldaten, ob deutsch, russisch oder ukrainisch, fast selbst noch Kinder, Opfer ihrer jeweiligen Regimes waren, fühle ich mich doch schon seit Tagen etwas merkwürdig, als ob ich mit dem Rücken zur Wand stünde.

Ruhm der Roten Armee, Ruhm der Ukraine
Der Prozession voran zieht die Ehrengarde: Je zwei Soldaten tragen einen Kranz, legen ihn am Grabmal des unbekannten Soldaten ab, salutieren und treten ab. Salutschüsse. Die Nationalhymne. Nun sind die Veteranen an der Reihe: Innerhalb von Minuten füllt sich die Plattform vor der Flamme mit Violett, weiß, rot, Berge von Blumen. Zwei Rekruten in Tarnanzügen stehen stramm vor der goldenen Inschrift: “Ewiger Ruhm den Helden im Kampf um die Freiheit und Unabhängigkeit unseres Heimatlandes”.
Kranzniederlegung am Grabmal des unbekannten Soldaten

Meine Kamera zieht die Aufmerksamkeit eines Veteranen auf sich: Er stellt sich vor und bittet mich um ein Foto, dann tauschen wir Telefonnummern aus, damit der Mann an seine Fotos kommt. Oberst Pawlo Prokopowytsch fragt, woher ich komme, und ich kann mich nicht beherrschen: “Ich bin die Enkelin eines deutschen Okkupanten.” Momente später habe ich mehrere seiner Blumensträuße in der Hand und fange auch an, sie auf den Gräbern zu verteilen. Ich muß an das Stück Rasen in dem slowakischen Dorf denken, das sie mir vor 15 Jahren zeigten, als ich mich auf die Suche nach dem Grab meines Großvaters gemacht hatte.
Pawlo Prokopowytsch, Veteran

Mein Patenkind Romka kommt mit seiner kleinen Schwester den Berg herauf, und die Geister der Vergangenheit, die mir ganz kurz im Nacken und hinter den Augenlidern saßen, verschwinden im Sonnenlicht. (Kitsch, ich weiß. Aber es war so…)
Kinder auf Panzer

von elya, 9.05.05
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Jungs in Uschhorod „Aber zurück zu dem Bild, das mir nicht aus dem Kopf geht: der kleine Junge, versunken in die Betrachtung des Flusses. Da drüben beginnt die Neue Welt.“
(Jurij Andruchowytsch, Mein Europa)